Der Wundermann Ludwig Erhard

Eine Rezession von Dr. Ulrich Horstmann

5 von 5 Sternen: Der erste Volkskanzler, der von seinem Mythos zehrte

Bewertet in Deutschland am 4. Dezember 2025


Die Dissertation von Katharina Schmidt ist ein sehr großer Wurf. Die Autorin hat es mit viel Fleiß und Einfühlungsvermögen geschafft, sich in die Lebenswelt eines Mannes hineinzudenken, der die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in Deutschland von 1949 bis 1966 prägte. Mich hat dieses Buch vom Anfang bis zum Ende fasziniert. Herauszuheben ist auch die Fairness, mit der sie nicht nur Ludwig Erhard, sondern auch seine Bewunderer, Mitarbeiter und Kritiker beschreibt.


Passend ist auch der Titel „Der Wundermann“. Selbstverständlich ist er fragwürdig und Erhard wies auch selbst darauf hin, dass der wirtschaftliche Erfolg kein Wunder, sondern das Ergebnis einer Politik ist, die auf Freiheit und Wettbewerb setzt. Ohne harte Arbeit also kein Erfolg und auch kein Wunder. Gleichzeitig war Erhard eitel genug, sich als Wundermann in der Öffentlichkeit feiern zu lassen. So wurde er immer mehr wahrgenommen. Für viele wurde er zum Talisman. Mit ihm feierten sie auch sich selbst. Insofern ist auch der Titel des Buches richtig gewählt.


Ludwig Erhard fühlte sich am wohlsten, wenn er leidenschaftlich für seine marktwirtschaftliche Konzeption warb. Er liebte das Bad in der Menge. Er gab vor allem den kleinen Leuten Selbstvertrauen. Mit ihrer Bewunderung entstand der Mythos, unfehlbar die wirtschaftlichen Geschicke mit fairen Spielregeln lenken zu können. Da die Wachstumsraten hoch waren und das Land wieder weltweit zu einer führenden Wirtschaftsnation aufstieg, waren die Wähler ihm dankbar. Er erzielte immer sehr gute Wahlergebnisse.

Als Kanzler agierte er glücklos. Außerdem reagierte Erhard zunehmend empfindlich auf Kritik. Der erste Volkskanzler in Deutschland zehrte von seinem Mythos. Abtreten wollte er lange nicht. Er sah das Volk auf seiner Seite. Konrad Adenauer, sein Vorgänger als Kanzler und viele andere in der CDU kritisierten ihn zunehmend. Zuletzt waren auch die Medien nicht mehr auf seiner Seite, wodurch auch die Begeisterung für ihn in der breiten Öffentlichkeit abnahm. Die wirtschaftliche Schwächephase im Jahr 1966 kam noch hinzu.

All das wird m.E. bestmöglich im Detail beschrieben. Als Kritik könnte man anführen, das wirtschaftspolitische Fragen zu knapp behandelt wurden. Dafür gibt es viele andere Bücher. Katharina Schmidt hat den Schwerpunkt auf den Mythos, Selbstdarstellung und Öffentlichkeitsarbeit. Mit ihrem großartigen Werk hat sie eine Lücke geschlossen. Eine vergleichbare Arbeit ist mir nicht bekannt.

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