Die Entwicklung der Weltkirche in Indonesien

08.05.2024 – 16.05.2024

Erkenntnisse aus Flores mit Pater Hans-Günther Weritz

Internationale Verteilung der Religionen

Im Mai war ich auf der Insel Flores in Indonesien und besuchte meinen Verwandten Hans-Günther Weritz[1]. Er ist seit den 1970er Jahren dort als Missionar tätig und vor Ort sehr verehrt. Das Gemeindeleben auf Flores ist sehr lebendig. Auf der indonesischen Insel selbst sind ca. 91% Christen[2] bei einem weltweiten Anteil von 31,2%[3]. Damit ist das Christentum die die am weitesten verbreitete Religion weltweit vor dem Islam (24,1%), Hinduismus (15,1%), Buddhismus (6,9%) und dem Judentum (0,2%). Diese sogenannten fünf Weltreligionen werden geschätzt von 77,5% der Menschheit praktiziert. Das Christentum (Neues Testament) und der Islam sind als später entstandene Religionen mit dem ebenfalls monotheistischen Judentum verbunden (Altes Testament). Im Gegensatz dazu glauben die Anhänger des Hinduismus und Buddhismus an mehrere Götter. Das Hauptverbreitungsgebiet des Hinduismus ist in Indien, der Buddhismus in mehreren anderen asiatischen Staaten. Das Christentum verbreitete sich über Europa in die Welt nach Amerika, den südlichen Teil Afrikas und Australien.

Entwicklung der Weltkirche

Als Weltkirche wird in der katholischen Kirche üblicherweise die weltweite Gemeinschaft bezeichnet, die mit dem Papst in Rom verbunden ist. Die Verbreitung des katholischen Glaubens ist mit der Missionierung durch südeuropäische Seemächte verbunden, sie waren vor allem in Lateinamerika und den südlichen Teilen Afrikas erfolgreich. Afrika und Asien werden für die Weltkirche immer wichtiger. Hier sind starke Verschiebungen zu verzeichnen. Die jungen Kirchengemeinden wachsen, während sich die katholische Kirche in Europa weniger dynamisch entwickelt. Angesichts der demographischen Entwicklung und dem wirtschaftlichen Aufholpotential außerhalb Europas lohnt daher ein Blick über den Tellerrand hinaus.

Entwicklung in Indonesien und konkret auf der Insel Flores

Auch in Indonesien gewinnt der Islam in den letzten Jahren an Bedeutung. Bereits heute ist es das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung mit rund 230 Mio. Muslimen bei einer Gesamtbevölkerung von 277 Mio. Einwohnern (83% der Bevölkerung). Der Islam ist aber nicht Staatsreligion. Die Regierung setzt auf Vielfalt. Minderheiten sind geschützt. Auch andere Religionen werden daher als gleichwertig betrachtet. 10% der Bevölkerung bekennen sich zum Christentum, 1,8% sind Hindus und 1,0% Buddhisten. Traditionelle Religionen (Geisterglaube) sind in Indonesien immer noch weit verbreitet, auch auf Flores.

Staatspräsident Joko Widodo regiert seit 2014 das Land. Er ist beliebt[4], nicht zuletzt durch seinen nicht konfrontative, ausgleichende Art. Innenpolitisch setzte er auf den Ausbau der Infrastruktur und weniger Abhängigkeit von ausländischen Konzernen[5]. Als säkulärer Muslim dürfte er dazu beitragen, dass die religiösen Spannungen, die auch in Indonesien zu beobachten sind, nicht eskalieren. Positiv ist auch, dass die Demokratie inzwischen stabil im Land verankert ist[6].

Auf der Insel Flores[7] mit seinen rund 1,8 Mio. Einwohnern ticken die Uhren anders als im sonstigen Indonesien. 91% der Einwohner sind Christen, meist Katholiken. Der Islam ist meist in Dörfern an den Küsten und Nebeninseln verbreitet[8]. Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen auf Flores ist sehr gut, auch im indonesischen Vergleich. Auf Flores ist man tolerant und hilft sich gegenseitig, z.B. bei der Beseitigung der Folgen von schweren Erdbeben, die auf der Insel immer wieder vorkommen.

Die Infrastruktur auf der Insel macht Fortschritte. So wurde beispielsweise der Staudamm (Bendugan) „Napun Gete“ (großes Tal), etwa 60 km von der Hauptstadt Maumere entfernt, errichtet und gebaut von der indonesischen Regierung im Auftrag des bereits erwähnten Präsidenten Joko Widodo (Jokowi). Er wurde zweimal wiedergewählt als Präsident. Er hat sich auch sehr verdient gemacht für die Entwicklung der Infrastruktur der südöstlichen Provinz NTT (Nusa Tenggara Timur). Der Staudamm Napun Gete soll das wasserarme Maumeregebiet mit genügend Wasser versorgen.

Der Missionar Hans Günther Weritz und der Orden SVD

Pater Hans-Günther Weritz ist Mitglied des Ordens SVD.
Das Kürzel der Styler Missionare ist SVD, es steht für
Societas Verbi Divini“, übersetzt „Gesellschaft des Göttlichen Worts“. Die Ordensgemeinschaft wurde 1875 in Steyl von Arnold Janssen in Holland gegründet. Aufgrund des Kulturkampfes war dies damals in Deutschland nicht möglich. Bereits 1879 wurden die ersten Missionare nach China entsandt. Den Steyler Missionaren wurde später auch die Missionsarbeit auf indonesischen Inseln übertragen[9].

Pater Hans-Günther Weritz war mit dem Aufbau und Vollendung von drei Pfarreien im Maumeregebiet auf Flores befasst. Das schloss den Bau von diversen Kirchen, Kapellen, Kindergärten etc. mit ein.

Im Dorf Blatat zum Beispiel errichtete Pater Hans-Günther Weritz, SVD, mit Hilfe der Erzdiözese Paderborn, der Erzdiözese Köln und der Erzdiözese München und Freising nach fünfjähriger Bauzeit eine große Kirche zu Ehren des Heiligen Arnold Janssen, dem Gründer der Gesellschaft des Göttlichen Wortes (1875).

Ich konnte mit Pater Hans-Günther Weritz zweimal ein Interview führen; so am 13.05.2024 nachmittags auf dem Berg in Kelimutu u.a. über seinen Vater, der in den zwei Weltkriegen gegen Frankreich kämpfen musste.
Außerdem ging es in dem Interview um seine Gemeindearbeit auf der Insel Flores (Filmlänge 14:45min).


Außerdem sprachen wir am 15.05.2024 vormittags miteinander in der Nähe seines Hauses in Krokowolon
über die Tätigkeit der Styler Missionare auf Flores im Allgemeinen und seinen Werdegang und seine Tätigkeit
auf Flores im Besonderen (Filmlänge 23:27min).

Was bleibt?
Vor Ort konnte ich beobachten, wie aktiv und von unten her Gemeindearbeit auf Flores möglich ist und dies in einem friedlichen Miteinander mit den anderen Religionen. Wenn man schon heute so viel von Diversität spricht, auf Flores wird sie meines Erachtens gelebt. Diese multiethnische und religiös tolerante Bevölkerung könnte ein Vorbild für den Rest der Welt sein. Hinzu kommt, dass sich die indonesische Regierung der Pluralität stark verpflichtet fühlt. Trotz der großen muslimischen Majorität im Gesamtstaat bleibt sie sehr offen für alle anderen Religionen.

Das war für mich eine positive Überraschung. Auch im Vergleich zu Europa ist die gegenseitige religiöse Achtung – angesichts der zunehmenden religiösen Auseinandersetzungen, sogar mit Terroranschlägen – vorbildlich. Das Land entwickelt sich dynamisch. Die Aufbruchstimmung im Land ist spürbar. Indonesien wächst rasch mit einem jährlichen Wachstum von 0,6%[10]. Außerdem ist die m.E. sehr beeindruckende Tätigkeit der Missionare auf Flores und speziell von Pater Hans-Günther Weritz hervorzuheben. Er zog es – statt in den verdienten Ruhestand an einem für ihn vorgesehenen Platz[11] zu treten – vor, weiter seelsorgerisch tätig zu sein und lebt jetzt in seinem Haus in Krokowolon, das auch – wie das umliegende Gelände – für die Gemeindearbeit genutzt wird. Ohne solch ein nachdrückliches Engagement wäre die Weltkirche langfristig nicht überlebensfähig. Die Begeisterung der jungen Christen, die ich beobachten konnte, zeigt, dass hier Großartiges geleistet wird. Dies ist jede Unterstützung wert.

Dr. Ulrich Horstmann, 20.06.2024

 

 

[1] Ich bin mit ihm weitverzweigt verwandt. Er ist der Sohn des Bruders meines Großvaters Heinrich Weritz (Vater meiner Mutter)

[2] Lt. Wikipedia (Flores), abgerufen am 19.06.2024. Die Christen dort sind meistens katholisch, missioniert wurden sie von den Portugiesen seit dem 16. Jahrhundert). Die seit dem 17. Jahrhundert eindringenden Holländern waren Calvinisten. Erst ab 1807 waren die Religionen in Indonesien gleichberechtigt und Missionierung konnte unbeschwert erfolgen (vgl.: Severinus Andreas Korsin: Die Arbeit der Steyler Missionare auf der Insel Flores in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien 2010.)

[3] Daten für das Jahr 2015 lt. Conrad Hackett und David Mcclendon: Christians remain world’s largest religious group, but they are declining in Europe, Pew Research Center, 05.04.2017, http://pewrsr.ch/2o5CXFL, abgerufen in wikipedia, Suchbegriff Weltreligion, abgerufen am 18.06.2024.

[4] die optische Ähnlichkeit mit dem damaligen in etwa gleichaltrigen US-Präsident Barack Obama soll nach Medienberichten seine Popularität vergrößert haben

[5] Der von dem Präsidenten betriebene Ressourcenprotektionismus ist international umstritten. So wurde das Nickel-Ausfuhrverbot von der WHO (auf Antrag der EU) im November 2022 für rechtswidrig erklärt. Vgl.: Der neue Kosmos: Weltalmanach & Atlas 2024, Stuttgart 2023, S. 192

[6] Vgl.: Der neue Kosmos: Weltalmanach & Atlas 2024, Stuttgart 2023, S. 192 f.

[7] Flores gehört verwaltungstechnisch zur indonesischen Provinz Ost-Nusa Tenggara

[8] Die Hauptstadt der Insel ist die Stadt Maumere mit 90.000 Einwohnern.

[9] Näheres zu den Steyler Missionaren ist an Hand des folgenden Links zu finden: https://www.steyler.de/de/, abgerufen am 20.06.2024.

[10] Vgl. Der neue Kosmos: Weltalmanach & Atlas 2024, Stuttgart 2023, S. 193.

[11] im Alterssitz Biara Simeon, SVD.

More Posts

IEM Podcast – Episode 10: Risikofaktoren für Europa

Risikofaktoren für Europa Topic: Anlass: Weiterer Anlass: Ergebnisse: Risikofaktoren und Zukunft für Europa Gespräch mit dem Autor des Buches „die größten geopolitischen Gefahren“  von Egon Minar Arbeit an Lösungen und

Feel free to share these thoughts of IEM

en_USEN