Kann Javier Milei seine Reformpolitik in Argentinien weiter erfolgreich umsetzen?

Kann Javier Milei seine Reformpolitik in Argentinien weiter erfolgreich umsetzen?

Der Widerstand gegen die Reformen bleibt bestehen, die Inflation ist noch zu hoch, die Beschäftigung und die Löhne für die Schaffung von Wohlstand für Alle noch zu niedrig. Angesichts der Dauerkrise des Landes ist die Bereitschaft erkennbar, die aktuelle Anpassungskrise durchzustehen. 

Mehr noch als die Politik und wohl auch die Kirche ist der Fußball in dem Land omnipräsent (der große „Ablenker“, „Brot und Spiele“) . Das ist der Kit der Argentinier. Bilder von den Fußballlegenden Diego Armando Maradona und Lionel Messi sind fast überall anzutreffen. In der Politik gibt es laufend Krach untereinander, das Thema wird gemieden, es gibt nur Schwarz oder Weiß (für oder gegen Mileis Politik). Grautöne gibt es selten. Überall zeigt sich ein großer Patriotismus. Der verlorene Falklandkrieg war offensichtlich eine Demütigung. Von dem Krieg werden Bilder übermittelt, in denen das Land doch noch siegreich wirkt[1]. Die militärische Kooperation mit den USA wird unter Milei verstärkt, China soll angeblich eine auch militärisch genutzte Antennenanlage in der Provinz Neuquén in Patagonien)[2] betreiben.

Mein Sohn Heiner und ich wir waren vor vom 16.2.- 5.3.2026 vor allem in Buenos Aires, unterbrochen von einem Kurzausflug nach Montevideo (Uruguay) am 24.02. und nach Tigre am 01.03.. Wir waren beeindruckt von dem Land. Buenos Aires erinnert tatsächlich an Paris, erscheint größer und kulturell vielfältiger und dank seiner Population sehr europäisch. Es gibt dort kaum Muslime. Argentinien ist nach wie vor katholisch geprägt. Die Argentinier sind nach wie vor stolz auf ihren früheren Papst Franziskus, er war im eigenen Land immer besonders beliebt[3]. Es gibt viele Zuwanderer aus ärmeren südamerikanischen Staaten wie Kolumbien, Venezuela, Bolivien oder Peru. Sie gelten als gut integriert und als fleißige Arbeitskräfte.

Was für ein Gegensatz: Wenn man heute in bestimmten Stadteilen in Paris oder Berlin ist, haben sich Parallelgesellschaften herausgebildet. Das ist in Buenos Aires nicht in dem Umfang der Fall[4]. Wir wohnten in San Telmo, einem relativ heruntergekommen Stadtteil in der Nähe des alten Hafengebietes von La Boca. Es gab dort viel Armut und Bettelei. Viele schliefen nachts auf dem Bürgersteig. Keiner kümmert sich darum. Als wir jemanden helfen wollten, wurde uns zugerufen: „Der wacht schon wieder auf!“ Einerseits verhalten sich die Anwohner sehr offen und hilfsbereit, bei Bettelei und selbstschädigen Verhalten (Drogen- und Alkoholexzessen) sind sie vorsichtig und zurückhaltend. Trotzdem hat sich der Verkauf von Kleinartikeln auch durch Kinder durchgesetzt. Andere nehmen z.B. für das Türaufhalten im Supermarkt Geld. Das könnte ein Übergangsphänomen sein. In San Telmo sind erste Anzeichen der Gentrifizierung erkennbar mit Hipster-Restaurants für vegane Speisen etc.. Das wird in der Übergangsphase zu sozialen Schwierigkeiten führen. Zur Zeit wirkt der Stadtteil noch verwahrlost, wie das folgende Bild zeigt:

Englischkenntnisse reichen nicht, um sich über eine Essensbestellung hinaus mit den Einheimischen zu unterhalten. Vor diesem Hintergrund war es hilfreich, dass mein Sohn Heiner Spanisch sprach. Er navigierte mich dank seiner Sprachkenntnisse gut durch, führte die Gespräche und gab auch meine Fragen weiter. Im Wesentlichen wurden die Argentinier (häufig Fahrer von Uber-Taxen, aber auch Geschäftsleute und Personen, mit denen wir z.B. in Restaurants ins Gespräch kamen) gefragt, wie es ihnen geht, wie ihre Lebenssituation ist  und wie sie die Veränderungen durch die Regierung Milei empfinden.

In den Gesprächen ergab sich (wenig überraschend) ein völlig uneinheitliches Bild zur Reformpolitik. Jüngere Argentinier sind offener für die Veränderungen als ältere Befragte. Ein Pensionär, der langjährig in der staatlich subventionierten Textilindustrie tätig war, beklagte sich, dass seine Rente nicht mehr ausreichte, um auskömmlich leben zu können. Das war kein Einzelfall. Jeder antwortete aus seiner eigenen, ganz persönlichen Perspektive. Dabei kam auch die eigene Lebensgeschichte nicht zu kurz.

Die Stimmung ist nach den Erzählungen insgesamt nicht gut. Eine breite Aufbruchstimmung zeigte sich dabei nicht. Das Land ist polarisiert. Es gibt viele Peronisten (Sozialisten). Evita Peron ist gefühlt überall. Sie ist bis heute im Stadtbild sichtbar und wird bis heute vielfach wie eine „Heilige“ verehrt.

Es gibt sogar immer noch Anhänger der früheren Militärregierung 1976 und 1983. Die Militärregierung ließ politische Gegner – u.a. Kommunisten und Peronisten – systematisch verfolgen, foltern und umbringen (u.a. mittels der berüchtigten Todesflüge, mit denen Regimegegner betäubt aus Flugzeugen über dem Atlantik abgeworfen wurden). 

Positiv ist, dass die Leute in dem Land sehr offen sind. So wurde viel über Politik geredet, auch lautstark und kontrovers. Es schien, dass wir durch unsere Fragen ‚ein Ventil öffneten‘. Mileis Reformpolitik wurde von einem Studenten, den wir in einem Buchgeschäft trafen, als „erstklassig“ gelobt. Junge Menschen freuen sich danach, das die Hochschulen endlich entpolitisiert werden. Die staatlichen Professoren wären viel zu politisiert. Das gelte vor allem für die Universidad de Buenos Aires. Der Widerstand gegen die Reformen, die auch massive Entlassungen vorsehen, sind daher gerade dort besonders groß (wir sahen am 2.3. eine entsprechende Großdemonstration, auch die Generalstreiks immer am Donnerstag – weitgehend ohne Busbetrieb –  sind für unsere Verhältnisse ungewöhnlich…. Man sagte uns, dass es früher viel schlimmer war).

Positiv wird das Potential für mehr wirtschaftliche Freiheit gesehen. Vor allem für Selbständige/Kleinunternehmer ergäben sich bessere Perspektiven. Da aber noch viel Zurückhaltung besteht, bleibe die Auftragslage schlecht. Die Bevölkerung lebte an Hand eines falschen Traums. Alles wurde subventioniert. Es sei gut, dass das aufhört.

Die Kritiker Mileis bemängeln, dass die Wirtschaft an internationale Konzerne verkauft würde (die Hälfte Patagoniens sei schon chinesisch, Barrick Gold betreibt mit Shandong Gold/China eine Goldmine) und er auch korrupt sei (seine Schwester angeblich). Das Gehalt ist gefühlt 40% geringer als früher. Die Inflation hätte alles weggefressen. Durch die gesunkene Beschäftigung und verringerte Löhne wird die Haushaltsführung zunehmend schwierig. Daher fordern viele Kritiker, häufig Peronisten, das das eigene Land nicht an fremde Konzerne verkauft werden darf. Die eigene argentinische Wirtschaft sollte aufgebaut werden anstatt dass internationale Konzerne verdienen.

Vor allem Intellektuelle seien gegen Milei, die vom alten System alimentiert würden. Sie kooperieren in ihrer Kritik mit den unzufriedenen entlassenen Arbeitskräften, die jetzt nachvollziehbarerweise tief frustriert sind. Die Preise sind sehr hoch und die breite Masse kann sich das Leben nicht mehr leisten. Das Lohnniveau einfacher Arbeitskräfte liegt nach den Angaben der von uns befragten Personen bei etwa 400 US-$ monatlich (Der US-Dollar ist nach wie vor die entscheidende Referenzwährung, der Euro spielt nur eine untergeordnete Rolle. Betreiber von kleineren Geschäften zahlen mit dem Argentinischen Peso und gewähren Rabatte. Visa ist sonst sehr verbreitet und dominant in Hotels und Einkaufszentren. Für Touristen sind Onlinezahlungen bzw. das Zahlen mit Karten weit bequemer und günstiger, da an den Geldautomaten nur eine Abhebung bis zu 200.000 Peso, umgerechnet ca. 123 Euro (11.03.2026), möglich ist und prohibitive Zusatzgebühren verlangt werden). Allein die Hälfte müsste für Mietkosten aufgewendet werden. Das ist viel zu wenig. Wir waren selbst überrascht. Die Preise in den Lebensmittelgeschäften waren nicht viel niedriger als in Deutschland. Für ein Essen im Restaurant zahlt man in Buenos Aires fast so viel wie in München.  Die Lohnentwicklung ist weniger dynamisch als die Inflation. Sie ist gefühlt noch deutlich höher als offiziell ausgewiesen (dabei kamen auch immer wieder mal Diskussion auf, ob und inwieweit die Inflationsrate falsch berechnet wird – ein Indiz für das geringe Vertrauen in offizielle Statistiken und Verlautbarungen der jeweiligen Regierung nach jahrzehntelangen Enttäuschungen).

Die chinesische Übermacht in der Industrie wurde häufig thematisiert. Dagegen könnte sich z.B. die eigene Textilindustrie nicht behaupten. Auch Subventionen hätten den Niedergang der eigenen Produktionsstätten nicht aufhalten können.

Es gibt keinen Weg zurück. Er ist auch nicht gewollt. Auch das ist spürbar. Javier Mileis Reformpolitik wird hoffentlich dauerhaft Erfolg haben, auch wenn seine Art der Politikvermittlung (Kettensäge) polarisiert[5].

Aus deutscher Perspektive lässt sich hier viel lernen. Charismatische Helden sind für sozialrevolutionäre Änderungen notwendig. Ein heutiger Ludwig Erhard ist leider nicht in Sicht und ein Javier Milei hätte in Berlin keine Chance. Dazu fehlte ihm eine ihn unterstützende Partei und ein immer noch unzureichender Reformwille in den Schaltstellen der Macht, vor allem in der EU (Brüssel). Zu viele leben noch zu gut mit dem alten System, das Milei in Argentinien gerade über den Haufen wirft. Für viele unerklärlich ist, warum ein Land mit einer viel umfassenderen sozialistischen Sozialpolitik als in Deutschland so viel neue Armut produziert hat. Milei hat erkannt, dass die Korruption und die Sozialpolitik der Kern des Problems sind. Arbeiten lohnte nicht mehr. Die subventionierten Unternehmen konnten auf dem Weltmarkt nicht mehr bestehen. Die freie Wirtschaft ist jetzt einem Härtetest ausgeliefert.

Die Inflation bleibt trotz der restriktiven Geldpolitik weiter hoch. Ohne eine steigende Kaufkraft und Vertrauen in einer wieder wachstumsstarke Wirtschaft könnten die Reformen scheitern[6]. Neben dem Glauben an markttheoretische Modelle muss Milei jetzt Vertrauen schaffen, um die Investitionen und damit die Beschäftigung zu steigern (es gibt seit ein paar Wochen eine umstrittene Behörde „Oficina de Respuesta Oficial“, die versucht, die Regierungsmeinung den Medien zu vermitteln und Fake News zu widersprechen. Sollten Presseleute zunehmend unter Druck gesetzt und entlassen werden, könnte das das Vertrauen in die Regierung weiter schwächen).

Für Deutschland zeigt sich angesichts der Erfahrungen in Argentinien, dass eine ruinierte Industrie schwer wieder ersetzt werden kann. Daher sind bei uns Reformen notwendiger denn je, das betrifft vor allem Bürokratieabbau, weniger Gängelung durch die EU, niedrigere Energiekosten etc.. Argentinien sollte uns eine Warnung sein. Aus einem Scherbenhaufen lässt sich schwerlich wieder ein wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaft formen, vor allem wenn der innere Zusammenhalt fehlt (dabei ist der Patriotismus noch viel höher als in Deutschland, nur ist das Vertrauen in die Regierung nach wie vor noch mehr zerstört). Javier Milei hat vor dem Hintergrund der vielen gescheiterten Regierungen vor ihm eine große Chance, wieder Vertrauenskapital aufzubauen. Dazu gehört sicher auch etwas mehr Fingerspitzengefühl. Ein gespaltenes Land lässt sich nur schwer reformieren. Erst ein nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg wird die, die derzeit stark unter den Reformen leiden, mit seiner Politik versöhnen können[7].

Vor Ort wurden wir von Prof. Klaus Georg Binder von der Hanns-Seidel-Stiftung freundlicherweise beraten und umfassend über die Gegebenheiten des Landes informiert. Prof. Binder ist Berater vor Ort und ist u.a. bei der Aus- und Fortbildung der Polizei von Buenos Aires beteiligt[8]. Er ist ein großer Kenner Argentiniens und analysiert auch laufend die Reformpolitik von Javier Milei[9]. Seine kritische Reflektion der Lage hat sich in den Gesprächen von uns vor Ort in Buenos Aires nur bestätigt. Das Land hat noch einen mehrjährigen schwierigen Reformprozess vor sich.

Prof. Klaus Georg Binder wird am 01. Juli 2026, voraussichtlich im Wirtshaus Zum Franziskaner (Saal wird noch bestimmt) in München um 19 Uhr zur Reformpolitik von Javier Milei einen Vortrag halten, wozu wir als IEM-Team schon jetzt gerne einladen.

Ulrich Horstmann, IEM-Vorstandsmitglied, 11.03.2026

 

[1] Z.B. ein ikonisches Bild eines argentinischen Soldaten, der drei britische Royal Marines nach der Kapitulation in Port Stanley am 2. April 1982 abführt.

[2] Vgl. https://miastrategicintel.com/the-enigma-of-chinas-strategic-base-in-argentina/

[3] Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1611573/umfrage/beliebtheit-von-papst-franziskus-in-lateinamerika/, in Deutschland hatte Benedikt XVI weniger Zustimmung und war auch weniger beliebt als sein argentinischer Nachfolger, vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/613383/umfrage/beliebtheit-von-papst-franziskus-und-papst-benedikt-xvi-in-deutschland/, jeweils abgerufen am 07.03.2026.

[4] Lediglich das Barrio Chino/Chinatown in Buenos Aires im Stadtteil Belgrano, das in den 1980er Jahren entstand, ist nennenswert und erinnert an ähnliche Viertel in New York und San Francisco.

[5] https://www.freiheit.org/de/argentinien-brasilien-paraguay-und-uruguay/reformkurs-unter-milei-mit-starkem-start-2026, abgerufen am 07.03.2026.

[6] Vgl. https://www.relevante-oekonomik.com/2026/02/25/mileis-argentinien-realer-abschwung-weiterhin-hohe-inflation-und-zunehmende-arbeitslosigkeit/, abgerufen am 07.03.2026.

[7] Erst mit der Verabschiedung des Godesberger Programms 1959 hat sich die  SPD von einer sozialistischen Kaderpartei verabschiedet. Sie öffnete sich damit auch für die Reformpolitik Ludwig Erhards. Diese Entwicklung könnte auch eine Blaupause für die Entwicklung in Argentinien sein. Dort sind die Peronistischen immer noch alten sozialistischen Denkmustern verhaftet. 

[8] Neben vielen weiteren Aufgaben, vgl. https://www.hss.de/weltweit-aktiv/amerika/argentinien/, abgerufen am 07.03.2026.

[9] Vgl. Prof. Dr. Klaus Georg Binder: Argentiniens Kettensägen-Massaker: Der Wandel unter Präsident Javier Milei, hss.de, 03.07.2025, download unter: https://www.hss.de/weltweit-aktiv/amerika/argentinien/artikel-argentinien/der-wandel-unter-praesident-javier-milei-news13089/, abgerufen am 07.03.2026.

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