Die Bevölkerung in Lemberg / Lwiw ist 4 ½ Jahr nach dem russischen Angriff am 24.02.2022 kriegsmüde. Auch wenn die Stadt selbst wenig Zerstörungen zeigt, ist sie Ziel russischer Raketen- und Drohnenangriffe. Der Krieg ist überall spürbar. Auf öffentlichen Plätzen und den gut besuchten Kirchen, aber auch in den Nebenstraßen werden die Gefallenen geehrt.
Gespräche mit den Einheimischen zeigen Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Regierung. Starke Zustimmung bei jungen Leuten findet der frühere Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Seine Ablösung als Verteidigungsminister am 15. Juli lehnen sie ab und kämpfen für seine Rückkehr in die Regierung. Fedorow kritisiert die bestehende Vetternwirtschaft und Bürokratie. Der 35jährige fordert eine Modernisierung in der Armee, um die Zahl der Kriegsopfer zu verringern; neuerdings auch Neuwahlen[1]. Seit Frühjahr 2019, also seit über sieben Jahren gab es keine Volksabstimmung mehr. Der Vorstoß von Fedorow, dem gute Chancen bei einer Neuwahl nachgesagt werden, wird kritisiert und als wenig realistisch eingestuft[2].
Selenski steht vor diesem Hintergrund auch innenpolitisch unter Druck. Es gibt zwar weiterhin Abwehrerfolge an der Front, die ukrainische Luftverteidigung zeigt dagegen Schwächen. Die russischen Angriffe mit Raketen und Marschflugkörpern zeigen Wirkung[3]. Mit Sorgen schaut die Bevölkerung auf den nächsten Winter. Wenn die Energieinfrastruktur erneut lahm gelegt wird, könnte es eng werden. Auch Korruptionsskandale belasten die Amtsführung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj[4]. Dass das Land korrupt ist, ist allgemein bekannt und wurde in einem Gespräch vor Ort bestätigt. So würde ein ukrainisch-kanadischer Unternehmer erst wieder investieren, wenn das Land zur EU gehört. Überall würden die Hände aufgehalten, vor allem wenn das Geschäft gut läuft.
Die Ukraine ist institutionell noch nicht EU-tauglich, verfügt im Agrarbereich aber über Wettbewerbsvorteile. Ökonomisch liegt das Land am Boden und müsste tiefgreifend reformieren, um transparente und rechtssichere Strukturen zu schaffen. Das agrarisch geprägte Land hätte in der EU voraussichtlich Anspruch auf umfassende Subventionen. Gleichzeitig ist die Ukraine im Agrarbereich bereits wettbewerbsfähig und sogar in der Lage, den internationalen Kapitalmarkt anzuzapfen[5]. Die Rückzahlung der Kredite ist durch die Agrarprodukte gut abgesichert. Es gibt also Chancen und für die Westeuropäer könnte die Perspektive eines überlegenen Konkurrenten in einem hoch subventionierten Bereich auch zur Ablehnung der Aufnahme der Ukraine führen. Deshalb plädieren wir im IEM auch für ein „Europa der Marktwirtschaften“. Dauersubventionen verzerren die Märkte und halten überlegene Konkurrenten von der Agrarfestung EU fern. Die französiche und deutsche Regierung verhält sich bei der Frage der Aufnahme der Ukraine bereits seit einiger Zeit zurückhaltend[6].
Von Privatbesuchen in dem Land rate ich ab! Die Warnungen auch von Seiten der Bundesregierung sind zutreffend[7]. Mein Freund Dr. Michael Clauss und ich waren vom 15.08.-20.08.2026 in Tschechien, Polen und in Lemberg / Lwiw (16.08.-19.08.). Wir fuhren mit meinem alten 5er BMW (Erstzulassung 1998) von München über Tschechien (Mährisch Ostrau / Ostrava) und Polen nach Lemberg und zurück über Polen. Die Hinfahrt bis zur polnisch-ukrainischen Grenzen war unproblematisch und ohne zeitaufreibende Grenzkontrollen. Beide Länder machten einen ordentlichen Eindruck. Gut ausgebaute Straßen, kaum Graffiti. Subjektiv empfunden alles sehr sauber, das galt auch für die Rastplätze. Der Abstecher in Mährisch Ostrau / Ostrava mit Übernachtung bestätigte das positive Bild.
An der Grenze zur Ukraine wurde es schwierig. Es hatte sich am frühen Nachmittag eine lange Autoschlange gebildet. Es bewegte sich nichts und einige Passanten sprachen von Wartezeiten von drei bis zehn Stunden.
Ich überlegte, wie der Wartende hinter mir, wieder umzudrehen. Etwas genervt, setzte ich alles auf eine Karte. Ich fuhr an der Schlange (siehe oben, erstes Bild links) vorbei und sprach mit dem Personal an der Grenze. Ich zeigte ihnen meinen Journalistenausweis und wies darauf hin, dass ich über den heldenhaften Kampf der Ukrainer berichten möchte. Das kam gut an. Außerdem gefiel einem der Grenzer mein alter BMW, der gegenüber den moderneren SUVs seiner Landsleute ungewöhnlich war und viel besser wäre. Er war dann auch noch so freundlich, bei seinen Vorgesetzten anzurufen, ob ich schneller über die Grenze könnte. Das gelang. Dennoch erforderten die Formalitäten an der Grenze noch ca. eine Stunde (siehe oben das 2. Bild rechts) . Alle anderen mussten nervenaufreibend mehrere Stunden Wartezeit in Kauf nehmen. Die meisten waren nicht wütend, sondern wirkten eher resigniert.
Am Abend beim Spaziergang durch die Lemberger Innenstadt kam uns eine größere Gruppe meist junger Demonstranten entgegen. Sie forderten u.a. das Fedorow wieder Verteidigungsminister wird. Der Protest lief wie die beiden Bilder unten zeigen sehr geordnet ab.
Zwei Tage später gab es abends wieder eine Protestkundgebung für Fedorow:
Inzwischen sind die Proteste anscheinend zu einem Ritual in Lemberg geworden. Aber nicht nur dort. Auch in Kiew und anderen größeren Städten des Landes wird laufend demonstriert. Es brodelt im Land, das vergleichsweise rückständig geblieben ist. Sehr leicht kamen wir mit Passanten ins Gespräch, die ihre schwierige Lage mit der ständigen Angst vor Drohnenangriffen schilderten. Männer im besten Alter sind jetzt an der Front oder in der Rüstungsindustrie tätig. Für den Aufbau des Landes fehlt das Geld. Auffällig ist der hohe Anteil von Frauen in Lemberg. Westliche Touristen sind Exoten, wir wurden auch einmal so bezeichnet. Das die Stadt in Friedenszeiten einen Besuch wert, steht außer Frage. Das Schönbrunner Gelb noch aus der Habsburgerzeit prägt die Stadt bis heute (auf dem Bild links die Dominikanerkathedrale, rechts Blick aus dem Bankhotel, einer früheren Filiale der Österreichisch-ungarischen Bank, der Zentralbank der k. u. k. Monarchie).
Der ukrainische Nationalismus zeigt sich an vielen Orten, auch in der Touristeninformation am Marktplatz im Rathaus. Dort wurde eine rot-schwarze Flagge, die sogenannte „Bandera-Fahne“ verkauft, die in der Ukraine stark verbreitet ist (siehe auch das Bild unten rechts); Stepan Bandera wird als Nationalheld verehrt. In westlichen Ländern, vor allem in Polen ist Bandera umstrittener[8]. Lange Zeit war Polen ein verlässlicher Bündnispartner für die Ukraine, inzwischen ist das Verhältnis stark eingetrübt[9]. Für West- und Mitteleuropäer ist der ukrainische Nationalismus ohnehin befremdlich. Andererseits – und das muss immer wieder betont werden – ist der zähe Abwehrkampf der Ukrainer auch im Sinne von EU- und Nato-Staaten, deren Verteidigungsfähigkeit und -bereitschaft nach wie vor unzureichend ist. Der ukrainische Freiheitskampf wird inszeniert wie ein „Heiliger Krieg“. Die Kirchen sind voll und es wird auf größeren Tafeln an die gefallenen Kämpfer erinnert. Außerhalb der Städte auch mit Jesus am Kreuz, Flaggen und Kriegsbildern, wie die folgenden Bilder zeigen:
Neuwahlen wird es in der Ukraine vorerst nicht geben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Forderungen des früheren Verteidigungsministers Mychailo Fedorow inzwischen zurückgewiesen[10]. Selenskyj behält die Zügel bis auf Weiteres in der Hand. In der Fernsehserie „Diener des Volkes“ (2015-2019) scheint er auf die Rolle seines Lebens vorbereitet worden zu sein. Ich habe mir die Folgen mit hohem Unterhaltungswert angeschaut. Selenskyj kann man zugutehalten, dass er angesichts der großen Herausforderungen Kurs hält. Auf der Rückfahrt zeigen sich die künftigen Herausforderungen. Die Infrastruktur ist teilweise in einem extrem schlechten Zustand. Straßen sind kaum befahrbar (siehe das Bild unten links). Auf dem Weg zum Grenzübergang Budomierz-Hruszew war die Straße durch eine Militärstellung unterbrochen. Ein größerer Umweg war erforderlich. Den Grenzübergang nahm ich in der Hoffnung, weniger lange warten zu müssen. Diesmal half mein Presseausweis nicht und wir mussten ca. 3,5 Stunden warten. Medikamente wurden untersucht und recherchiert, ob es sich nicht um Drogen handelt. Der Kofferraum wurde dreimal gründlichst untersucht, auch der Motorraum.
Dabei waren wir sogar relativ gut dran. Andere Reisende mussten sich noch viel umfassenderen Prozeduren unterziehen. So wurden auch kleinere Kinder an Hand eines Körperscans untersucht (Bild unten links).
Die Fahrt durch das EU-Land Polen zeigte nochmal deutlich den Niveauunterschied. Polen ist hochentwickelt. Sehr störend war, dass wir an der polnisch-deutschen Grenze bei Görlitz wieder mehr als eine Viertelstunde warten mussten. Im Hintergrund (Bild oben rechts) sieht man bereits auf deutscher Seite die vielen Windräder und nach der Weiterfahrt auch die vielen sogenannten Solarfarmen.
Ein Europa der Marktwirtschaften mit Freihandel und fairer staatlicher Kooperation bleibt unser Ziel trotz der ernüchternden Erfahrungen (die es zu einem Wunschtraum werden lassen). Befremdlich ist, dass es in der EU inzwischen ein Flickenteppich nationaler Mautsysteme gibt. Auch in Polen mussten wir anhalten und bezahlen. Das behindert den Verkehr und den gemeinsamen Fortschritt. Für die Bürger bietet die EU immer weniger, zumal es auch wieder echte Grenzen gibt. Für die gescheiterte gemeinsame Flüchtlingspolitik in der EU – Deutschland trägt hier mit der Öffnungspolitik von Angela Merkel eine große Mitschuld – zahlen die Bürger mit langen Wartezeiten wie jetzt an der polnisch-deutschen Grenze einen hohen Preis. So wird die Reisefreiheit immer mehr behindert. Die Ukraine ist de facto sogar abgeschottet und noch weit von den üblichen Standards (Äußere, innere und Rechtssicherheit, Infrastruktur etc.) der EU entfernt. Eine Reise in die Ukraine ist derzeit angesichts der langwierigen Grenzkontrollen und der Bedrohungslage nicht zu empfehlen. Die Eindrücke dort sind auch nicht ermutigend, zumal ein Ende dieses verlustreichen Krieges noch nicht in Sicht ist. Es geht um Bodenschätze, Einflusszonen und gute (Rüstungs-)geschäfte von und für Oligarchen und große, nicht zuletzt international tätige Konzerne, weniger um die Opfer. Die EU zahlt und kann doch an der dramatischen Lage des Landes nichts ändern.
Ulrich Horstmann, IEM-Vorstandsmitglied, 24.08.2026
[1] Vgl. https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-debatte-wahlen-100.html, https://www.welt.de/videos/video6a86901f3e2ba7edf221f519/machtkampf-in-kiew-fedorow-fordert-wahlen-in-der-ukraine-das-ganze-eskaliert-hier-peu-a-peu.html, jeweils abgerufen am 21.08.2026.
[2] Vgl. https://www.fr.de/politik/tabu-bruch-in-der-ukraine-fedorov-fordert-neuwahlen-us-reise-sorgt-fuer-wirbel-zr-94455450.html, abgerufen am 24.08.2026.
[3] Vgl. https://www.ndr.de/nachrichten/info/selenskyj-steht-doppelt-unter-druck-mit-denis-trubetskoy,audio-3431566.html, abgerufen am 22.08.2026.
[4] Vgl. https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-korruption-selenskyj-102.html, abgerufen am 22.08.2026.
[5] Vgl.: https://www.wiwo.de/unternehmen/banken/dieser-deutsche-katapultiert-die-ukraine-zurueck-auf-die-finanzbuehne/100195052.html, abgerufen am 24.08.2026.
[6] Vgl. https://www.focus.de/politik/ausland/mitgliedschaft-light-frankreich-und-deutschland-bremsen-eu-beitritt-der-ukraine_d4d2e966-acf7-4157-bccc-d2521e4f471f.html, abgerufen am 24.08.2026.
[7] Vgl. https://www.auswaertiges-amt.de/de/reiseundsicherheit/ukrainesicherheit-201946, abgerufen am 22.08.2026
[8] Vgl.: https://www.deutschlandfunkkultur.de/bandera-kult-ukraine-100.html, abgerufen am 23.08.2026
[9] Vgl.: https://www.welt.de/politik/ausland/article6a620008d4d33e475a7b5c62/polnisch-ukrainisches-verhaeltnis-ein-fehler-selenskyjs-schlimmer-als-ein-verbrechen-der-streit-zwischen-kiew-und-warschau.html, abgerufen am 23.08.2026.
[10] https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/politik/krieg-russland-selenskyj-fedorow-wahlen-wadephul-veteranen-,ukraine-news-23-08-2026-100.html?utm_source=firefox-newtab-de-de#Wahlen, abgerufen am 23.08.2026.



